FixMyStadt – Web 2.0 in der öffentlichen Verwaltung

Folgenden Artikel habe ich im Herbst 2009 in der Fachzeitschrift „Planerin“ der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung e.V. fast wortgleich veröffentlicht.

FixMyStadt – Web 2.0 in der öffentlichen Verwaltung

Das soziale Web wächst.

Im Frühjahr dieses Jahres vermeldete das Onlinenetzwerk Facebook einen neuen Mitgliederrekord. 200 Millionen Personen haben sich mittlerweile für diesen Dienst registriert und pflegen dort online ihre Kontakte. In aktuellen Untersuchungen wird festgestellt, dass bei Facebook derzeit die am schnellsten wachsende Mitgliedergruppe Personen über 30 Jahre sind. Allerdings ist bei den jüngeren Mitgliedern bereits eine Sättigung zu erkennen. Diese Zielgruppe beginnt, sich ein neues digitales Zuhause zu suchen. Vergleichbare Angebote deutscher Unternehmen können mittlerweile auf Mitgliederzahlen im zweistelligen Millionenbereich verweisen. In Studien zur Nutzung des Internets wird der anhaltende Zuwachs der Verwendung sozialer Onlinemedien bestätigt (ARD & ZDF, 2008) .

Diese Entwicklung hat bereits deutliche Auswirkungen auf die Arbeit von Unternehmen, die Verbreitung von Nachrichten und auf politische Entscheidungsprozesse. Auch in der Verwaltung verändern so genannte Web 2.0-Anwendungen verwaltungsexterne und ‑interne Abläufe zunehmend. Beispielsweise bewertet das US-Patentamt in einem Pilotversuch gemeinsam mit externen freiwilligen Experten Patentanträge. Hierfür hat das Amt einige Komponenten sozialer Netzwerke übernommen, mit denen sich Freiwillige finden und ihre Arbeitsprozesse untereinander abstimmen können (Noveck, 2009).

Durch den Einsatz sozialer Medien eröffnen sich für den öffentlichen Sektor Potentiale zu einer vereinfachten internen Kooperation, einer stärkeren Bürgerbeteiligung und die Entwicklung attraktiver Arbeitsplätze. Gleichzeitig müssen sich Behörden verschiedene Herausforderungen in der Anwendung sozialer Medien stellen: Datenschutz und Datensicherheit, Wissensgenerierung und –teilung in einer zunehmend offenen Verwaltung erfordern neue Antworten. In diesem Artikel wird zunächst das aktuelle Verständnis von Web 2.0 zusammengefasst und anhand verschiedener internationaler Anwendungsbeispiele mit Bezug zur Stadt- und Regionalplanung kon­kretisiert. Weiter werden sich bietende Chancen und Herausforderungen sozialer Medien in der öffentlichen Verwaltung vorgestellt.

Verständnis von Web 2.0

Es existieren unterschiedliche Auffassungen dazu, wie der Begriff des Web 2.0 zu definieren ist. Einem verbreitetenVerständnis nach handelt es sich um bestimmte Technologien, die ein kollektives Zusammenwirken und kulturelle Veränderungen im Umgang miteinander ermöglichen. Über den Grad der Neuigkeit des Web 2.0 wird immer wieder spekuliert, da einzelne Bestandteile schon früher existierten und im Wesentlichen bloß ihre Verbindung neu ist. Aus technologischer Perspektive sind der Einsatz von „Asynchronous JavaScript and XML“ (AJAX) und die verbreitete Bereitstellung offener Applikationsschnittstellen erwähnenswert. In kultureller Hinsicht erlangt die Produktion von Inhalten durch Jedermann sowie das kollektive Erarbeiten, Wiederverwenden und Bewerten von Inhalten eine starke Bedeutung. Voraussetzung für diesen Wandel sind Anwendungen, die die Produktion eigener Inhalte wesentlich vereinfachen und den Rückgriff auf das Wissen Vieler ermöglichen. Mit Hilfe handhabbarer Content Management Systeme in Form von Weblogs (vgl. Artikel von Stefan Höffken) oder Wikis sowie sozialen Netzwerken und Lesezeichendiensten ist es einfacher geworden, Inhalte zu produzieren und sich mit Freunden, Arbeitskollegen oder fremden Menschen mit gleichen Interessen auszutauschen (Osimo, 2008, S. 17).

Der große kommunikative Aspekt und die starke Bedeutung der Produktion eigener Inhalte lassen die Anwendungen des Web 2.0 wie geschaffen erscheinen für die Unterstützung von Multiakteursprozessen im öffentlichen Sektor. Die Übertragung der, mit sozialen Medien verbundenen, Ideen und Werte auf den Einsatz in Gebietskörperschaften und Behörden wird als Government 2.0 oder Open Government bezeichnet und derzeit stark von Barack Obama und der neuen US-Bundesverwaltung geprägt. Dabei sind die Aspekte der Transparenz von Verwaltungshandeln, die Beteiligung von Mitarbeitern und Bürgern an Entscheidungsprozessen und die kooperative Lösung öffentlicher Probleme von besonderer Bedeutung (The White House, 21.01.2009). Mit dem Einsatz von Web 2.0-Anwendungen können auch in der Stadtplanung formelle und informelle Beteiligungsprozesse erleichtert, die Zusammenarbeit verschiedener Gruppen gefördert und die Transparenz von Verwal­tungs­handlungen erhöht werden.

Beispiele von Web 2.0-Anwendungen in der öffentlichen Verwaltung

Zur Steigerung der Transparenz und Beschleunigung der Bearbeitung von Beschwerden über Probleme im öffentlichen Raum wurde in Großbritannien das Beschwerdemanage­ment­system FixMyStreet initiiert. Hierzu hat die britische Nichtregierungs­organisation mySociety ein Internetportal aufgebaut, in dem Schadensmeldungen wie zum Beispiel Meldungen über einen verstopften Gulli, eine wilde Müllkippe oder schlechte Radwege in ein Formular eingetragen und in einer Karte verortet werden können. Jede Person kann in dem Portal nachschauen, in welcher Gemeinde wie viele Beschwerden eingereicht wurden und welchen Bearbeitungsstatus diese aktuell erreicht haben. Derzeit werden Kommunen noch über den simplen Versand von E-Mails durch das Portal informiert. Erforderlich wäre aber die Anbindung an die Hintergrundsysteme der Kommunen mit Hilfe strukturierter Nachrichten zum Beispiel in Form von RSS-Feeds.

FixMyStreet

Abbildung 1: Meldung eines Problems im Straßenraum bei FixMyStreet.

Der Ansatz dieses kollaborativen Beschwerdemanagements wird in den USA mit dem Angebot SeeClickFix noch weiter entwickelt. Über einen Bewertungsmechanismus können andere Portalbesucher einer Beschwerde mehr Gewicht verleihen. Die Onlinestadtpläne, über die eine Verortung der Beschwerden erfolgt, können von Dritten in ihre Internetportale eingebunden werden. So haben mittlerweile einige Lokal­zeitungen ihre Leser aufgefordert, regionale Schadensmeldungen auf der jeweiligen Zeitungswebseite mit Hilfe des Werkzeugs von SeeClickFix einzutragen. Der Dienst bietet die Möglichkeit, sich automatisch informieren zu lassen, sobald in einem bestimmten Gebiet neue Beschwerden anfallen oder existierende Probleme gelöst wurden. Öffentliche Verwaltungen profitieren ebenfalls von einem webbasierten Beschwerdemanagement. Sie erhalten ein Werkzeug, mit dem die strukturierte Aufnahme von Problemen unterstützt und deren Beseitigung öffentlichkeitswirksam online dokumentiert werden kann. Vergleichbare Angebote in Deutschland sind, wie der Märker in Brandenburg, gerade erst gestartet oder stellen, wie das Kölner Unortkataster, die schnelle Problembeseitigung nicht so in den Mittelpunkt.

Abbildung 2: Benachrichtigung über neue Bauvorhaben mit PlanningAlerts.

Zunehmend bieten Kommunen die Möglichkeit, sich über aktuelle Bauanträge im Internet zu informieren. Vielfach fehlt jedoch noch die Option, sich automatisiert benachrichtigen zu lassen, wenn neue Bautätigkeiten in einem bestimmten Gebiet geplant sind. Der Service PlanningAlerts, ebenfalls von mySociety entwickelt, bietet in Großbritannien die Möglichkeit, sich über neue Bauvorhaben in den über 300 teilnehmenden britischen Kommunen per E-Mail informieren zu lassen. Voraussetzung ist, dass Informationen über aktuelle Bauanträge bereits im Internet verfügbar sind. Durch die Angabe einer E-Mail-Adresse, Postleitzahl und des Radius, innerhalb dessen man informiert werden möchte erhält man Benachrichtigungen sobald neue Bauanträge eingegangen sind. Zum erfolgreichen Betrieb der Plattform ist mySociety auf die freiwillige Unterstützung der Kommunen oder Softwareentwicklern angewiesen. Erstere können das Projekt fördern, indem sie ihre Daten zu Bauanträgen in maschinenlesbarer Form im Internet veröffentlichen. Letztere können, als alternative Lösung, Softwareskripte erarbeiten, die nicht-maschinenlesbare Informationen zu aktuellen Bauanträgen auf kommunalen Internetseiten einsammeln und aufbereiten.

Chancen und Herausforderungen

Im Vorfeld der Umsetzung von Web 2.0-Anwendungen gilt es, die Herausforderungen des Einsatzes in der öffentlichen Verwaltung im Allgemeinen und in der Stadtplanung im Speziellen zu berücksichtigen. Zu folgenden Aspekten gilt es demzufolge Lösungs­strategien zu diskutieren:

  • Beachtung der Persönlichkeits- und Urheberrechte der Nutzer und dem nachhaltigen Erhalt der entstehenden Daten bei Verwendung von Internetplattformen, die von Dritten betrieben werden.
  • Berücksichtigung der Anforderungen von gesellschaftlichen Gruppen mit geringen Erfahrungen im Umgang mit Internetangeboten, erschwertem Zugang zum Internet oder Barrieren in der Benutzung von Webseiten.
  • Web 2.0-Anwendungen vereinfachen die Generierung und Einbeziehung des Wissens freiwilliger Experten. Diese Perspektive kann die Rolle von Verwaltungsmitarbeitern als traditionelle Experten mit eigenem Fachwissen in Frage stellen.
  • Umgang hierarchischer Organisationen mit Werkzeugen, deren Verwendung eher flache Hierarchien erfordert, da jede Person einfach Wissen veröffentlichen und diskutieren kann.

Der Einsatz sozialer Medien bietet Möglichkeiten Prozesse der Stadtplanung kommuni­kativer, transparenter und kooperativer zu gestalten. Hieraus ergeben sich eine ganze Reihe verschiedener Chancen:

  • Die Belange der Bürger können einfacher einbezogen werden.
  • Das Wissen der Vielen kann die Arbeit von Verwaltungsmitarbeitern erleichtern.
  • Web 2.0-Anwendungen können die Kooperation innerhalb der öffentlichen Verwaltung und zwischen Behörden und Bürgern unterstützen.
  • Eine vereinfachte Teilung von Wissen kann zu leistungsfähigeren Organisationen führen.
  • Der Einsatz moderner elektronischer Werkzeuge kann zu einer gesteigerten Attraktivität der öffentlichen Verwaltung als Arbeitgeber beitragen.

Fazit

Die Nutzung von Web 2.0-Anwendungen nimmt immer weiter zu. Für viele junge Erwachsene sind diese Werkzeuge schon heute Alltag. In Zukunft werden sie auch beim Kontakt mit ihrer Verwaltung erwarten auf ähnliche Art zu kommunizieren. Behörden können enormen Nutzen hieraus ziehen. Voraussetzung ist jedoch, dass Kommunikation und eine stärkere Öffnung hin zu mehr Transparenz und Kooperation von den Beteiligten gewollt wird. Ist dies der Fall, können soziale Medien dazu genutzt werden Wissen innerhalb und außerhalb des öffentlichen Sektors zu teilen, Bürger stärker in Prozesse der Stadtplanung einzubeziehen und Entscheidungen leichter nachvollziehbar zu machen.

Quellen

ARD & ZDF (Hrsg.). (2008). ARD/ZDF-Onlinestudie 2008.

Dutton, W. H., Helsper, E. J., & Gerber, M. M. (2009). The OxIS 2009 Report: The Internet in Britain. Oxford Internet Institute.

Noveck, B. S. (2009). Wiki government : how technology can make government better, democracy stronger, and citizens more powerful. Brookings Institution Press.

Osimo, D. (2008). Web 2.0 in Government: Why and How?

The White House – Press Office. (2009). Transparency and Open Government.

Über jens

What does Jens do for a living? In Deutsch and in English.

06. Januar 2010 von jens
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